Die Krankengeschichte eines Winzlings

27. August 2009

1.)    Die Krankheit:

Bei mir wurde mit 2 Jahren Neuroblastom im 4. Stadium festgestellt. Heute kann ich mich nicht mehr an den Beginn der Behandlung erinnern, das Ende ist jedoch relativ klar noch vorhanden, auch wenn ich manchmal die zeitliche Abfolge durcheinanderbringe.

Die Grazer Abteilung für Pädiatrische Hämato- Onkologie befand sich damals im Dachgeschoß des Gebäudes für Strahlentherapie. Es war nicht sehr kindergerecht eingerichtet, ich freute mich wie ein Schneekönig, wenn ich im Windellager Dreiradler fahren durfte.

Ich konnte ganze Kinderbücher auswendig, die ich mit viel Enthusiasmus meinen Mitpatienten „vorlas“. Ich konnte ganze Visitenscharen inklusive Ärzte und Studenten unterhalten, indem ich mir beide großen Zehen in die Ohren steckte und so laut ich konnte schrie: „Ich red nicht mit euch, ich red nicht mit euch!“ Ich brachte neue Schwestern und Ärzte zur Verzweiflung, wenn sie mir das Herzkathederpflaster wechseln wollten, denn da mußte immer etwas draufgemalt werden und wehe es war die gleiche Blume oder das gleiche Haus wie beim letzten Mal. Heute noch geben mir Schwestern, die mich aus dieser Zeit kennen anstandslos nach dem Blutabnehmen mein Pflaster mit dem blauen Elefanten.

Die Wände im Gebäude waren in einem bestimmten Grünton gestrichen, den ich heute noch nicht ansehen kann, ohne nicht ein flaues Gefühl in der Magengrube zu verspüren. Dasselbe gilt für rote Lackledersofas, mit denen ich immer noch auf Kriegsfuß stehe.

Dadurch dass ich noch so klein war, sind die Erinnerungen an die Schmerzen und die Angst vor dem Sterben in den Hintergrund geraten. Andere Erinnerungen, Bruchstücke, hervorgerufen durch Gerüche, Anblicke und Situationen überfallen mich in den unpassensten Momenten aus dem Hinterhalt. Beispielsweise der Geruch nach Krankenhausessen oder Desinfektionsmittel führt zu heftigem Erbrechen. Muß ich wieder einmal zur Kontrolle einrücken und irgendetwas oder irgendjemand verhält sich nicht so, wie ich es erwarten würde (langes Warten, Aussagen wie: „ Warum hast du mir den Zettel nicht mitgebracht, ich brauch diesen Zettel“, Schwierigkeiten beim Blutabnehmen,…), solche banalen Dinge bringen mich komplett aus der Fassung und führen nicht selten zu Heulattacken. Das ist mir unglaublich peinlich, schließlich bin ich 17 Jahre alt, aber ich kann einfach nichts dagegen tun.

Aufgrund meines Winzlingalters war die Frage nach dem Sterben für mich nicht relevant. Der Tag nach morgen war für mich schon zu weit weg.

2.)    Die Nebenwirkungen/Nachwirkungen:

Abgesehen von der Operationsnarbe ist das einzige bleibende meine Hochtonschwerhörigkeit. Durch den Haarverlust verabschiedeten sich auch die Härchen im Innenohr und weigerten sich später nachzuwachsen. Bereits den Kindergarten besuchte ich mit 2 Hörgeräten. Für mich war das so selbstverständlich und normal wie jeden Tag Zähneputzen. So klein habe ich mir nie Gedanken gemacht, ob ich irgendwie anders sein könnte. Dank aufmerksamen Kindergartentanten und hilfsbereiten Volksschullehrerinnen bekam ich das ein bißchen Anderssein nie zu spüren. Erst im Gymnasium lernte ich andere Kinder kennen, die ebenfalls Hörgeräte tragen. Ich fiel aus allen Wolken, als ich das erste Mal „taube Nuss“ genannt wurde.

Ich fühl mich nicht eingeschränkt und auch wenn die gute Fee mit ihren 3 Wünschen ankommen würde, würde ich mir etwas Besseres als ein gutes Gehör wünschen.

Für mich ist das einfach so. Jeden Morgen, wenn ich die Hörgeräte hineintue, denk ich daran, wie gut es mir geht und wie klein meine Sorgen sind.

3.)    Lebensperspektive:

Ich versuche das, was ich durch den Krebs und die Behandlung gelernt habe (Durchhaltevermögen, Beharrlichkeit, Antihoffnungslosigkeit) im Alltag zu nützen. Denn so hab ich das wenigstens nicht umsonst durchgemacht.

4.)    Meine Beweggründe bei der Glocknertour teilzunehmen:

Ich mach gern ein bißchen verrückte Sachen (Ich war bei dem Projekt „Ein Ritt ins Leben“ mit an Board). Ich will meine Grenzen ein bißchen weiter hinausstoßen, als sie bis jetzt erprobt sind. Und natürlich eine Gaude haben mit den anderen.:-)

Außerdem schreibe ich im Herbst meine Maturaarbeit zum Thema „Psychologische Betreuung von krebskranken Kindern und Jugendlichen“. Vielleicht tauchen ein paar Anregungen für Ansätze bei den Gesprächen mit den anderen auf, denn dabei sieht man manches selbst viel klarer.

Wie Sebastian schon erwähnt hat, kann die gesamte Geschichte nur sehr schwer dargestellt werden. Naja, ich habs versucht, ein bißchen etwas aus meine Geschichte zu erzählen.

Lg

lisbeth

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