Sebastian´s Geschichte zu seiner Krebserkrankung

21. August 2009

Zum Thema:

Problematik Jobsuche bzw. Rückkehr in das Arbeitsleben. Zweifel von Arbeitgebern/ Neuer Job: EMC

 

Meine Erfahrung nach meiner Krebserkrankung mit den Mitmenschen in der Arbeitswelt basierte auf eine schreckliche bis grausame Art und Weise, vor allem wie sie mich danach von menschlicher Seite, sowie von psychologischer Seite behandelt haben. Oberflächlich, ignorant, bis hin zu ganz grässlichen verbalen Beschimpfungen. Ich wurde einfach nicht als vollwertiger Mensch angesehen. Die Akzeptanz und der Respekt haben hier total gefehlt. Ich denke, dass die Menschen in unserer Gesellschaft mit jenen schwerwiegenden Krankheiten, egal welche Form der Krankheit, wo der Tod eine riesengroße Rolle spielt, nicht umgehen können. Ich habe oft das Gefühl verspürt, Mensch zweiter Klasse zu sein.

Es wurde mir nicht leicht gemacht. Möchte euch  einen kleinen Auszug über die Rückkehr in mein Arbeitsleben geben.

 

Beispiel:  Nach der Entlassung aus der Stammzellentransplantation, als ich wieder in die Zivilisation schnuppern durfte und wieder in meinen Job als Bürokaufmannslehrling zurückkehrte, wurde ich nach bestandener Lehrabschlussprüfung von meinem Unternehmen, einen Tag danach, gekündigt. Damals war ich sehr enttäuscht, da mein ehemaliger Chef mich doch fast jede Woche, bzw. meine Eltern anrief, und nach meinem Wohlbefinden fragte. Er versprach mir auch, wenn ich die Krankheit erfolgreich hinter mich gebracht  hätte, mich in ein neues junges Team einzubringen und er freue sich schon auf ein Wiedersehen. Doch an dieses Wiedersehen möchte ich heute nicht mehr denken. Die Enttäuschung war riesengroß, vor allem, weil unser Glauben an das Gute größer war, als das Misstrauen.

Insbesondere weil dieses Unternehmen, schon seit Jahrzehnten, ganz tolle Spender des St. Anna Kinderspitals sind und ich eine extra Einladung erhielt, als sie eine Auszeichnung diesbezüglich erhielten. Dazu forderten sie mich sogar mehrmalig auf, ich solle doch nicht vergessen, bei diesem großartigen Ereignis zu erscheinen. Heute kann ich sagen, das war nur Imagepflege, das hat mit uns kranken, krebskranken Kindern nichts mehr zu tun.

 

Man sollte die Sache, wenn man ein Zeichen setzen möchte, auch wirklich ernst nehmen.

 

Danach war ich ein halbes Jahr Arbeitssuchender. Mein nächster Job dauerte nur 3 Monate an, da diese 3 Mitarbeiter mit Mobbing beschäftigt waren. Aussagen wie: So ein Trottel erhält hier Geld oder du warst ja schon vor deiner Krankheit unterbelichtet. Diese Äußerungen gehörten zum täglichen Gebrauch.

Nach fast zwei Monaten hielt ich es nicht mehr aus und „versuchte“ , eine Beschwerde einzulegen. Danach war es die Hölle. Jeden Tag Beschimpfungen, lautes Geschrei usw. . Doch lange hielt ich dieses Desaster nicht aus, vor allem war es eine massiv psychische Belastung für mich. Es ging sogar bis hin zum Erbrechen. Daraufhin war ich wieder Gast im St. Anna, um diesem Erbrechen nachzugehen. Diagnose: Aus medizinischen Gründen ist es nicht vertretbar, unter solchen Umständen, an dieser Arbeitsstelle weiterhin beschäftigt zu bleiben.

Somit wurde mir von meinem Arbeitgeber nahe gelegt, das Arbeitsverhältnis zu lösen, da leider kein anderer Arbeitsplatz für mich vorhanden wäre.

 

 

 

 

 

 

Jetzt zu den Zweifeln der Arbeitgeber:

 

Das man nicht voll einsatzfähig ist, vielleicht mehrmalig ausfallen würde, man gilt eben nicht als vollwertiger Mensch. Ich würde fast schon sagen, als behinderter Mensch. Es wird einem gar nicht die Chance bzw. die Gelegenheit gegeben, sich zu beweisen. Die jeweiligen Unternehmen, dort wo ich mich beworben habe, zum Teil auch sehr renommierte Unternehmen, lesen deinen Lebenslauf und deine Krankengeschichte und das war es. Leider, aber wahr.

 

Doch es gab trotzdem einen hellen Moment in diesem Chaos und diese Chance hat mir jetzt das Unternehmen EMC gegeben, über das ich unbeschreiblich glücklich bin und wo ich mich sehr wohl fühle. Die Mitarbeiter sind überaus nett zu mir. Vor allem sehr bemüht, mir meinen  neuen Arbeitsbereich, so gut als möglich zu zeigen, vor allem nicht auf oberflächliche Art und Weise, einfach ausgedrückt „kollegial“ .

 

Zum zweiten Thema:

Beweggründe bei der Großglockner-Tour mitzumachen, waren, damit wieder an meine Grenzen zu gehen und mit all den Leuten, die hier daran beteiligt sind, Spaß zu haben und sich auszutauschen. Übrigens finde ich dieses Projekt genial.

 

Zum dritten Thema: a) Wie hat sich mein Leben durch die Diagnose Krebs

                                   b) das Überleben

                                   c) als geheilt

                                   d) überstanden

                                   e) Lebensperspektiven

verändert?

 

Als ich am 28. Juli 2005 erfuhr, das ich Lymphdrüsenkrebs habe, um es genauer zu bezeichnen, an einem anaplastischen großzelligem Lymphom (ALCL) leide, der Gruppe C angehörte, veränderte sich in diesem Augenblick, auch wenn ich es momentan vielleicht nicht sofort realisiert hatte, mein ganzes Leben. Ich verspürte nur Zorn.Riesengroße Angst. Es ging mir plötzlich vieles durch den Kopf. Auf einmal musste ich mich mit dem Gedanken, „dem Tod“ auseinandersetzen .Die Tatsache vielleicht jetzt sterben zu müssen, war für mich eine schlimme, sehr schlimme Erkenntnis. Ich begann mit Gott zu hadern und fragte mich:“ Warum ich?“ Warum bestraft er mich so, ich bin doch noch so jung, ich habe doch noch nie jemanden etwas Böses getan oder gewollt? Unendliche Fragen warfen sich auf.

Natürlich auch Freunde nie wieder zu sehen und all die Menschen die mir nahe stehen zu verlieren, hat mich sehr traurig gestimmt.

Sich von seiner sportlichen, vielleicht werdenden Karriere als Sportler zu verabschieden, war ein furchtbarer Gedanke. Rausgerissen von Allem und Jenem.

           

 

b)         „Das Überleben“

 

Das wurde mir oft, sehr oft,  nicht leicht gemacht. All die Chemo, Rückfall bis hin zur Stammzellentransplantation, Probleme nach der Transplant und vieles mehr. Ich habe daran mehrmals gezweifelt  und wenn es mir besonders schlecht gegangen ist und ich ans Aufgeben gedacht habe, war mein Ziel, ich muss wieder zum Sport zurückkehren. Dieser Gedanke trieb mich immer weiter voran und motivierte mich ungemein.

 

 

Und da waren meine Eltern, meine Schwester Jenny, meine Großeltern und all die Freunde die mir stets zur Seite standen , da konnte ich auf keinen Fall aufgeben. Sie unterstützten mich in jeder Form.

Es war sozusagen ein mächtiger oft ohnmächtiger Kampf, den ich auf keinen Fall verlieren wollte.

Meine Devise war, nicht Hoffnung nicht aufzugeben.

 

c)         „Geheilt“

 

Heißt für mich, vertrauen auf die Ärzte, Nachsorgeärzte, Schwestern und Pfleger, der Forschung, all dem Team, das hier so hervorragend zusammenarbeitet und sich bemüht, so gut es geht, allen zu helfen und uns zu „heilen“.

Und wenn man schließlich als geheilt gilt, dann sollte man auch daran glauben, sonst verläuft man sich und findet den Anschluss an die Außenwelt nicht mehr und deshalb habe ich mich wahnsinnig gefreut, das ich dazu gehören durfte.

Mein erster Gedanke:Ich kann wieder zu meinem Sport (Fußball und Leichtathletik) zurückkehren und das war doch mein Ziel, welches ich stets vor Augen hatte und das wollte ich mit allen Mitteln wieder schaffen. Dort anzuschließen wo ich aufgehört hatte, denn das wurde mir versprochen. Ich darf wieder meine sportliche Aktivität aufnehmen. Dies beruhigte mich ungemein.

 

d)         „Überstanden“

 

Die Frage, was heißt das jetzt „Überstanden“ . Mit diesem Ausdruck sollte man sehr sparsam sein, denn hier dazuzugehören, die es geschafft haben, da kann man sich wahrhaftig glücklich, sehr glücklich schätzen. Es hätte auch anders ausgehen können. Ein wenig Skepsis jedoch bleibt , zumindest ist man in gewissen Belangen, z.B.: mit Beobachtung seines Körpers doch sehr vorsichtig, denn im Vorjahr 2008 war noch einmal der Verdacht auf Hautkrebs, der sich aber Gott sei Dank nicht bestätigt hatte und ich ihn verwerfen konnte.

Aber trotz allem, die Aussage „Es überstanden zu haben“ , würde man am liebsten der ganzen Welt mitteilen und sagen, “Seht her, ich habe es geschafft“!

 

e)         „Lebensperspektive verändert“

 

In jeglicher Hinsicht. Nachdenklicher. Man sieht alles aus einem anderen Blickwinkel. Man denkt über verschiedene Dinge intensiver nach, ob Krankheit oder Gesundheit, ob über die Zeit die man verloren hat oder auch Lebenseinstellungen die man dazu gewonnen hat. Die Menschen, die in den schlimmsten Stunden zu dir standen, schätzt man besonders, vor allem Menschen die dein Leben im positivem Sinne bereichern, die haben meine volle Wertschätzung.

Das Leben ist so kurz und man sollte versuchen, das Beste daraus zu machen und das ist jetzt meine Lebenseinstellung.

 

Heute kann ich sagen, alles was du liest oder nur hörst, über die Krankheit Krebs, ist nur ein winzig kleiner Teil, der hier übermittelt wird oder auch verstanden wird.

Denn es zu erleben oder miterleben zu müssen, ob jetzt als Betroffener oder Begleiter, erst dann kannst du darüber sprechen, alles andere ist nur ein kleiner Auszug von Zeitungsartikeln oder Medienberichten.

 

 

Das zu meiner Geschichte und liebe Grüße,  Sebastian

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